Jack London – Die Zwangsjacke

The Star Rover (Die Zwangsjacke):
Astralwanderung im Strafvollzug

Dieser Essay erschien – zusammen mit einer Kurzbiographie, die hier ebenfalls gelesen werden kann – in einer Neuausgabe des Romans „Die Zwangsjacke“ im Axel Dielmann Verlag in einer Neuübersetzung der talentierten Uschi Gnade.

Von Reinhard Rael Wissdorf

Sah sie ihn mit runden, bewundernden Augen an, oder blickte sie skeptisch von der Seite? Sass sie ihm offen gegenüber oder verkroch sie sich hinter ihrem Notizblock und kaute an ihrem Bleistift, während sie ihm lauschte? Wir wissen nicht, was die junge Journalistin Sophie Treadwell am 28. Februar 1914 auf Jack Londons Ranch wirklich tat, als sie den berühmten Autor zu seinem neuen Romanprojekt interviewte. War sie gekommen, weil sie glaubte, von dem Sohn des bekanntesten Astrologen Amerikas und einer berüchtigten Spiritistin etwas bahnbrechendes über Reinkarnation zu hören? [1] Wenn ja, dann wurde sie enttäuscht, denn zu hören bekam sie dies:

„Mein neuer Roman? Ich glaube, ich nenne ihn ‘The Jacket.’ Es wird ein Rundumschlag gegen die Gefängnisbedingungen in Kalifornien. Was ich darin zu sagen habe, ist das, was von jedem bekannten Kriminologen in der Welt gesagt wird (…). Wußten Sie, daß es möglich ist, einen Menschen in Kalifornien zu Einzelhaft zu verurteilen? Dass es uns möglich ist, einen Mann für einen Raubüberfall zu hängen? Daß wir erst im letzten Jahr 1913 einen Mann für Raubüberfall gehängt haben? Jake Oppenheimer wurde wegen Raubüberfalls gehängt, hier, in seinem eigenen Staat, in Kalifornien. Die Zwangsjacke hält sich immer noch in unseren Gefängnissen. Wußten Sie das? Habe ich irgendwelche konstruktiven Vorschläge für eine Gefängnisreform in meinen Roman eingearbeitet? Nein, habe ich nicht. Ich gebe ihnen nur ein Bild der Verhältnisse, wie sie wirklich sind. Habe ich irgendwelche konstruktiven Ideen über meine Zeilen hinaus? Ganz sicher habe ich die. Ich würde Gefängnisse in Hospitäler verwandeln. Mein grundsätzlicher Glaube besteht in der Überzeugung, dass die meisten Dinge festgelegt sind. Jeder Mensch bewegt sich an einer Linie von schwacher Widerstandskraft. Wir tun, was leichter für uns ist, zu tun, als es nicht zu tun. Wenn ich kurzsichtig bin und in Laternen renne, dann ist es nicht meine Schuld. Es liegt an meiner Kurzsichtigkeit. Ich breche unsere sogenannten Gesetze, ich kann mir nicht helfen. Ich tue es, weil ich krank bin. Irgendwas stimmt mit mir nicht, ich bin ein kranker Mann. Und ich brauche einen Arzt. Ich brauche all die fähige Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts, um zu forschen und herauszufinden, was mir fehlt und alles Menschenmögliche zu versuchen, um mich daran zu hindern, Dinge zu tun, die meinen Mitmenschen schaden könnten. Die gesamte moderne Kriminologie steht an meiner Seite mit dieser Sichtweise. Nur die Narren teilen meine Ansicht nicht.“

„Die Zwangsjacke“, im englischen Original „The Star Rover“, ursprünglich aber von ihm selbst mit dem Arbeitstitel „The Jacket“ versehen, ist ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Jack-London-Roman, zugleich auch einer seiner am wenigsten bekannten.Ungewöhnlich zum einen, weil es ein Spätwerk ist, und dabei trotzdem in der sprachlichen Brillianz des jungen Jack London daher kommt, kaum zu vergleichen mit den aus Geldnot eher nachlässig hingeworfenen, teilweise sogar auf eingekauften Ideen basierenden Schnellschüssen wie „Hearts of Three (Der Wolf von Wallstreet)“ oder das unvollständige „Assassination Buereau (Das Mordbüro)“. Ungewöhnlich auch in der Thematik – „Reinkarnation und Strafvollzug“ und zudem ein nicht-autobiographisches Werk. Hier hat Jack London ausnahmsweise fast ausschließlich recherchiert, die Schilderungen des Strafvollzugs in San Quentin überwiegend auf dem authentischen Bericht des ehemaligen Insassen Ed Morrell und seines Mitinsassen Jake Oppenheimer aufgebaut. Sogar die Namen hat er unverändert übernommen. Gleichzeitig ist es sein letzter Roman, sozusagen sein „Vermächtnis“ und sein engagiertester, denn seine gesellschaftspolitischen Eingriffe fanden überwiegend in essayistischen Schriften oder in Reden statt, weniger in narrativer Form. Jack London lag die Veröffentlichung der „Zwangsjacke“ sehr am Herzen. An den Verleger Roland Phillips schreibt er am 26. März 1914:

„Es ist ein Buch, welches verschiedene Wege einschlägt. Es stellt die Gefängnisbedingungen dar, wie sie sind. Es ist ein Gesetz, heute in diesem Staat, dass ein Mann, der einem anderen auf die Nase gehauen hat, bis zum Tode an Hals und Nacken gehängt werden darf. Es ist Gesetz in Kalifornien. Es ist ebenfalls legal in Kalifornien, einen Mann zu lebenslänglicher Einzelhaft zu verurteilen. Die Gefängnisverwaltungen haben die vollständige Gewalt über einen lebenslänglich Verurteilten. Die Zwangsjacke war in Kalifornien bis und das ganze Jahr 1913 hindurch legal. Ich bin mir Klaren darüber, dass die staatliche Legislative im Herbst 1913 ein Gesetz zum Verbot der weiteren Anwendung der  Zwangsjacke verabschiedet hat. Mein Held wurde im Sommer 1913 exekutiert, seine Erfahrungen mit der Zwangjacke datieren aus den Jahren zuvor, als die Zwangjacke noch legal war. Ed Morrell, Donald Lowrie, Jake Oppenheimer – alle diese Männer wurden der Zwangsjacke unterzogen. Ich habe die Härte der Anwendung der Zwangsjacke eher untertrieben.[2]

Um diese Zeilen in ihrer Bedeutung zu verstehen, muß man wissen, welche Wirkung ein Jack London Roman in diesen Zeiten hatte. 1914 gehörte Jack London zu den bestverdienenden und bekanntesten Schriftstellern der Welt, wurde bereits in über siebzig Sprachen übersetzt und war eines der Hauptzielobjekte der damals erwachenden Yellow Press, kurz: er war ein Medienstar, ein Mann öffentlichen Interesses. Ein neuer Jack London-Roman war ein Ereignis, die Kritiker stürzten sich darauf, eine gewaltige Marketingmaschinerie wurde ins Rollen gebracht, eine neues Buch von ihm, war für einen Verleger ein sicheres Geschäft. Und so manche zitterten: was hat er sich jetzt wieder auf die Fahne geschrieben? Seine sozialistische Weltsicht, sein Einsatz für die wenig Begüterten war spätestens seit Erscheinen seines Sozialreports „People of the Abyss (Menschen am Abgrund, In den Slums) eine bekannte Tatsache. Seine Rede im New Yorker „Grand Central Palace“ im Jahre 1906, in welcher er offen zum Klassenkampf aufforderte, steckte seinen Gegnern noch in den Knochen. Wie sehr triumphierten da die Vertreter des bürgerlichen Lagers, als Jack London 1907, anstatt die Massen weiterhin zum bewaffneten Kampf aufzurufen, mit seiner selbsterbauten Yacht „Snark“ in den Pazifik hinaussegelte, um für sieben Jahre die Weltmeere zu befahren. Es wurden deren zwei, krank und erschöpft kehrte er aus Sydney zurück, und hatte doch ein neues Buch im Gepäck, welches selbst Berufsrevolutionären wie Leo Trotzki Respekt abnötigte: „The Iron Heel (Die eiserne Ferse)“.

Kein weiteres Alaska-Abenteuer, in dem der Mensch der Natur trotzt und Kraft seines Willens obsiegt, kein Seefahrerroman wie „The Mutiny of the Elsinore (Meuterei auf der Elsinore) und kein biographisches Werk wie „Martin Eden“ oder „John Barleycorn (König Alkohol)“ und erst recht kein schwärmerisches Zurück-Zur-Natur, wie „The Valley of the Moon (Das Mondtal), sondern ein utopischer sozialistischer Arbeiterroman, in dem Jack London nicht nur die Struktur und Funktionsweise des kapitalistisch-oligarchischen Wirtschaftssystems analysiert und anprangert, sondern darüber hinaus die Organisation und Wirkung des Faschismus voraussagt. Ein fast prophetisches Werk, angesichts der kommenden Ereignisse in Europa. Aber es ist ein Roman, noch dazu Science-Fiction, die Phantasie eines Mannes, der seine Ideen und Erwartungen in narrativer Form einem Lesepublikum anbietet. In „The Star Rover“ schlägt Jack London einen anderen Ton an, weist gezielt auf bestehende Verhältnisse hin und beschwört ihre Untragbarkeit. Weiß er doch sehr genau, wie das Gefängnisleben die Psyche des Menschen im negativen Sinne beeinflusst und verändert, weiß er es doch am eigenen Leib, und hat er es doch bereits in seinem autobiographischen Roman „The Road (Abenteurer des Schienenstranges) eindringlich beschrieben. Doch Verhältnisse wie in San Quentin kannte auch ein Jack London nur vom Hörensagen – und war froh darum. Als daher ein gewisser Ed Morrell an ihn herantrat, um ihm seine Geschichte zu erzählen, war Jack London sofort Feuer und Flamme. Er versäumte nicht, sich die Echtheit der Aussagen seines Zeugen von verschiedenen Seiten bestätigen zu lassen. Und diese Aussagen waren nicht nur faszinierend, weil hier ein Mann die schlimmsten Torturen erduldet hatte, sondern er hatte auch eine Möglichkeit gefunden, ihnen durch eine eigene mentale Technik zu trotzen. Ed Morrell hatte die schlimmen Zeiten in der Zwangsjacke überlebt, indem er Astralwanderungen „erlernte“. Das war der entscheidende Aspekt für Londons Geschichte, die ihm selbst wieder einmal den Triumph des menschlichen Geistes bewies. Dazu schreibt er weiter an Roland Phillips:

„Sie werden bemerken, dass ich mich nicht allein auf die Schilderung des Gefängnisalltags und der Bedingungen beschränkt habe. Weil ich eine Geschichte, eine Fiktion darum herum entwickelt habe und es ist der Optimismus in der Geschichte selbst, welche es dem Opfer ermöglicht, gegen die Weite der Jahrhunderte mithilfe der Zwangsjacke zu gewinnen; welche das Opfer befähigt, Liebe, Abenteuer und das ewige Leben zu gewinnen. Sie werden ebenfalls die Tricks bemerken, die ich eingesetzt habe, um mit Philosophie zu spielen, indem ich die Macht des Geistes über die Sache einführe, was die Geschichte für diese ganzen „Christian-Science-Folks“ und auch die „New Thought – Folks“[3] sehr zugänglich macht, und auch den Millionen, die sich heute in den Vereinigten Staaten dafür interessieren. Obwohl es pseudo-philosophisch und pseudo-wissenschaftlich daherkommt, macht das die Sache doch auch dem Rest der Leute schmackhaft, die den Stoff lesen werden. Nebenbei bemerkt, ist die Geschichte vom Anfang bis zum Ende historisch korrekt – auch jene Abschnitte in vergangenen Zeitaltern, als – bevor Geschichte aufgeschrieben wurde wie wir sie heute kennen, die Ziele der Menschen auftauchten, und sie ihre Geschichte in die Sterne schrieben. Der Schlüsselgedanke zu dieser Geschichte lautet: Der triumphierende Geist.“[4]

Nun fragt sich der interessierte Leser, der von Jack London eine Reihe von weltbekannten Tiergeschichten kennt, der die Verfilmung des „Seewolf“ gesehen und vielleicht sogar „Martin Eden“ gelesen hat: „Glaubte Jack London an die Reinkarnation?“ Und umso berechtigter erscheint die Frage, angesichts der okkultistisch beseelten Mutter, Flora Wellman, die in ihren frühen Zeiten ihr Dasein nicht nur als Klavierlehrerin sondern auch durch das Abhalten spiritistischer Sitzungen bestritt. Abgesehen vom leiblichen Vater Jack London’s, William H. Chaney, einem bedeutenden Astrologen. Wurde dem jungen John Griffith Chaney alias Jack London der Glaube an Übersinnliches oder eine bestimmte religiöse Denkweise in die Wiege gelegt? Schwer zu sagen. Jack Londons Weltbild war von Nietzsche, Darwin und Karl Marx geprägt, der Triumph des Geistes währte, solange das organisch-biologische Leben existierte, danach war der Mensch ein Fall für die Würmer und Insekten. Insofern stellt die Geschichte des Ed Morrell für Jack London lediglich die Fortsetzung seiner Idee vom „Survival of the fittest“, ausgedehnt in die Regionen des menschlichen Geistes dar. Die letztendliche Überwindung physischer Grenzen, der Sieg des Geistes über Folter und Tod, war für ihn eine Projektionsfläche seiner grenzenlosen Phantasie und die Konstruktion der Story, des Plots, ein Akt der künstlerischen Verwandlung mit handwerklichen Mitteln. Die Rückprojektion, die sich der Erinnerung vergangener Leben bedient, verwendete er bereits in „Before Adam (Vor Adams Zeiten)“ als Stilmittel. Hier erinnert sich der Held des Romans in Träumen seiner prähistorischen Existenz, in „The Star Rover“ wird die Seele zum Vehikel einer abenteuerlichen Reise. Gleichzeitig – wenn auch nicht öffentlich – war Jack London für eine erstaunliche Hellsichtigkeit bekannt, die gar in der fast exakten Voraussage des zweiten Weltkriegs gipfelte (auch wenn er den Angriff auf die USA der deutschen Flotte zuschrieb). So ganz entkam der überzeugte Materialist den Wurzeln seiner Herkunft nicht.

Welcher Gedanke für ihn im Zentrum des Buches stand, schrieb er an Mary Banks Krasky am 12. Dezember 1914:

„Vom Standpunkt eines Romanautors kann ich nicht sehen, wie ich im Gebrauch des Mediums Roman deutlicher hätte werden können, als ich es in The Star Rover tat. Ich habe ordentliche Namen, und habe ordentliche Fakten, und habe ordentliche Daten. Letztes Jahr wurde Jake Oppenheimer in Folsom gehängt, nicht für Mord aber für Raub. Soweit mir bekannt, ist er der erste Mann in den Vereinigten Staaten, der gesetzlich für Raub gehängt wurde. (…) Wie ich in John Barleycorn bereits sagte, bin ich Martin Eden. Ich würde nicht wie er sterben wollen, aber ich bin durch seine Erfahrungen gegangen. Martin Eden starb, weil er ein Individualist war, ich lebe, weil ich Sozialist war und ein soziales Gewissen besitze.“[5]

Ed Morrell, der sechzehn Jahre in San Quentin absaß und seine Geschichte an Jack London verkaufte, überlebte den Mann, der ihn „unsterblich“ gemacht hatte um mehr als 20 Jahre. Man hatte Morrell verurteilt, weil er dem Zugräuber Chris Evans zur Flucht verholfen hatte. Er wurde 1909 begnadigt und traf Jack London 1911. Später, nach Jack Londons Tod durch Nierenversagen[6] im Jahr 1916, veröffentlichte er seine Erlebnisse noch einmal selbst unter dem Titel „The twenty-fifth man: The strange Story of Ed Morrell, the Hero of Jack London’s „Star Rover“.

Reinhard Rael Wissdorf

JACK LONDON INTERNATIONAL

www.jack-london.de

 

  1. Januar 2002

[1] Aus “Jack London Journal Vol. 3, 1996, Editor James Williams. Nachzulesen bei www.jack-london.de / Materialien: „Magnifique! By Gosh!“

[2] Labor, Leitz, Shepard: “The letters of Jack London” Vol. 3 1913-1916, S. 1314

[3] Eine Doktrin des neunzehnten Jahrhunderts, die besagt, dass der Geist in der Lage ist, über mentale und physische Welten zu herrschen.

[4] Labor, Leitz, Shepard: ebenda

[5] Labor, Leitz, Shepard: The Letters of Jack London, S. 1394

[6] Genauere Hintergründe zu Jack Londons Tod unter www.jack-london.de /kein Selbstmord

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