Jack London – Eine Biographie mehr

Das kurze Leben des Jack London

San Francisco war in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf ähnliche Weise eine Art „Flower-Power“ Metropole, wie hundert Jahre später in den sechzigern des zwanzigsten Jahrhunderts. Unzählige okkulte Gruppen, spiritistische Zirkel und selbsternannte Propheten, zudem gewagte soziale Gruppenexperimente und vollkommen neuartige Lebenskonzepte bildeten in dieser mehr als ungewöhnlichen Stadt für einige Jahre einen idealen Nährboden für die verschiedenen Spielarten menschlicher Koexistenz, bis die Rezession alles hinwegraffte. Mitten hinein in diesen Sog von Ideen und Konzepten gebar Flora Wellman am 12. Januar 1876 einen Sohn, den sie John Griffith nannte, und nach dem Namen des Erzeugers, mit dem sie in einer Art „wilder Ehe“ zusammenlebte: Chaney. William Henry Chaney, mehr als 20 Jahre älter als die kleinwüchsige Klavierlehrerin aus Massillon, Ohio, war zu dieser Zeit ein bekannter Astrologe, Journalist und Vortragsreisender, der eine Gruppe von (meist jüngeren) Adepten um sich geschart hatte. Die Verbindung zu Flora Wellmann war eine „amour fou“ eine jener verrückten „Lebensabschnittsgemeinschaften“ wie sie hundert Jahre später Gang und Gäbe waren. Die Vaterschaft erschien ihm als eine zu schwere und zweifelhafte Bürde, als dass er sich fröhlich dazu bekannt hätte. Im Gegenteil – er bestritt vehement irgendetwas mit dieser Geburt zu tun zu haben, behauptete von sich selbst impotent zu sein und wehrte sich gegen jede Verantwortung. Mit dem Erfolg, dass die ganze Geschichte durch die energische Flora in der Presse aufgerührt wurde, und Mr. Chaney nur noch die Flucht in den Norden blieb. Jack London erfuhr erst im Alter von zwanzig von der Existenz des leiblichen Vaters. Es war der Kriegsveteran John London, der kurze Zeit später dem Knaben seinen weltberühmten Namen gab, ihn großzog, ihm die Liebe zum Landleben einpflanzte, ihm leider aber auch allzu früh die Verantwortung für die Ernährung der vielköpfigen Familie übertrug.

Jack London wurde nicht müde, in späteren Interviews und Gesprächen mit Freunden und Verehrern auf die Armut seiner frühen Jugend hinzuweisen. „Fleisch war alles was ich wollte, nur ein Stückchen Fleisch. Mein Hunger danach war derart groß, dass ich hätte weinen können, wenn ein Stück Fleisch eines begüterten Schulkameraden im Dreck landete, und am liebsten hätte ich es noch vom Boden gegessen“. Allerdings darf an der Korrektheit dieser Aussage gezweifelt werden.  Zumindest während der Zeit als Farmer verfügte die Familie über einen gewissen – wenn auch bescheidenen – Wohlstand, kann also durchaus als Mittelstandsfamilie bezeichnet werden. Der Vater besass ein Boot, mit dem er gemeinsam mit dem Jungen Sonntags zum Fischen hinausfuhr. Ein Umstand, der keineswegs auf bittere Armut schließen lässt. Diese kam später, durch Krankheit des Stiefvaters und geschäftliche Fehlspekulationen der stets auf Gewinn und gesellschaftlichen Auftstieg schielenden Mutter, deren fatale Neigung, über ihre Verhältnisse zu leben, die Familie oft an den Rande des Ruins trieb. Und natürlich die Rezession, die ja auch vor den Begüterten nicht Halt machte.

Als Kind schon auf Bücher versessen, nahm das Leben ihn dann allzufrüh in die Pflicht und ließ ihn in einer Fabrik mehr als 16 Stunden täglich arbeiten. Kaum 14-jährig arbeitete er sogar einmal 36 Stunden durch, sein Leben drehte sich ausschließlich um die Konservenfabrik: essen, schlafen, zur Arbeit gehen. Viele seiner Geschichten und Bücher versuchen, dieses frühe Kindheitstrauma aufzuarbeiten und vermitteln nur zu gut ein Bild der sozialen Zustände jener Ära. Entsetzt von diesem sinnlosen Dasein, lieh er sich Geld von seiner Amme und kaufte die herungergekommene Schaluppe „Razzle Dazzle“ mit der er fortan auf Austernraub ging. Schon bald war „Frisco-Kid“ wie man ihn nannte, einer der berüchtigten Austernräuber der Oakland Bay. Seine Rechnung war einfach: er verdiente wesentlich mehr Geld, gab allerdings auch wesentlich mehr aus und wenn man ihn einsperrte, so mußte er im Gefängnis doch weniger arbeiten, als in der Fabrik. Doch bald wurde ihm klar, daß der Weg des Austernräubers wenig Entwicklungsmöglichkeiten bot und heuerte als Schiffsjunge auf dem Robbenschoner „Sophie Sutherland“ an. Auch dieses Leben barg seine Schrecken und Routine und der junge Jack plante erneut ein „solides“ Leben im Kreis seiner Familie. Fortan arbeitete er in einer Jutefabrik zu noch schlechteren Bedingungen als zuvor und versuchte sich abends fortzubilden, was aufgrund des zu hohen Arbeitspensums mißlang. Wieder folgte ein Ausbruchsversuch, diesmal als Eisenbahntramp kreuz und quer durch die USA. Seine Erlebnisse, die ihn bis in ein Countygefängnis führten und damit eine der Grundlagen seiner sozialistischen Gesinnung schufen, hat er später in dem autobiographischen Roman „Abenteurer des Schienenstranges“ eingehend beschrieben. Zurück in San Francisco fand er seine Mutter verwitwet und mußte nun die Position des Ernährers übernehmen. Er holte das Abitur nach, besuchte die Universität Berkeley und arbeitete gleichzeitig in einer Wäscherei. Daneben schrieb er nächtelang auf einer uralten Schreibmaschine seine ersten Stories, von denen er allerdings keine einzige verkaufte.

Als man ihm nach Teilnahme an einer sogenannten „Presse“, eines extrem komprimierten Studienganges, die Zulassung zur Prüfung verweigerte, wobei man ihm klarmachte, daß sein unnatürlich hohes Niveau einen schlechten Einfluß auf die mäßigen Grundbedingungen hätte, trieb ihn diese Engstirnigkeit wieder in die Arme des Abenteuers, diesmal nach Alaska – doch nicht nur aus diesem Grund: in Alaska hatte man Gold gefunden. Da er sich aber die Ausrüstung für ein solch gewagtes und kostspieliges Unterfangen nicht leisten konnte, versuchte er Zeitschriften dazu zu bringen, ihn, den vollkommen unbekannten Möchtegern-Autor als Korrespondent zu entsenden. Ohne jeden Erfolg natürlich. Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als den schweren Weg zu seiner Stiefschwester Eliza anzutreten, die ihm schon so oft aus der Patsche geholfen hatte. Verrückterweise träumte ihr Mann, Jack Londons Schwager Shepard, selbst von diesem Wagnis. Jack befand ihn zu alt für solche Strapazen, traf aber auf taube Ohren. So wurde er als „Schlepper“ engagiert und kam auf diese Weise zu seiner ersehnten Passage.

Doch auch hier scheiterte der Abenteurer – Shepard kehrte bereits auf halbem Wege um – und Jack selbst kam fast zahn- und völlig mittellos wieder zurück. Wirklich mittellos? Nicht ganz, denn neben einer Skorbuterkrankung, die noch Jahrzehnte später ihren Tribut fordern sollte, hatte der angehende Schriftsteller eine Sackvoll Ideen und Stories im geistigen Gepäck. Während all der kalten und langen Winternächte, hatte er den Geschichten der Goldgräber und Nordmänner gelauscht, und  – gepaart mit seiner sozialistischen Grundgesinnung ein Konzept entwickelt, welches in den nächsten Jahrzehnten bahnbrechend auf die literarische Welt der Vereinigten Staaten wirken sollte. Und darüber hinaus. Jack London hatte seine ganz persönliche Bonanza entdeckt.

Doch zunächst war er am Ende seine Kräfte. Reumütig absolvierte er eine Postausbildung und wäre fast Briefträger geworden, hätte er nur eine Anstellung erhalten. Mehr aus Verzweiflung schrieb er wieder eine Kurzgeschichte, die diesmal prompt einen Käufer fand. Für ganze 5 Dollar verkaufte er „To the man on trail“ an den Overland Monthly.

Als die Post dann schließlich eine Anstellung für ihn hatte, stand er vor einer schweren Entscheidung: Schriftsteller werden und damit die Unsicherheit wählen oder ein sicheres Einkommen als Angestellter. Das rüde Verhalten des Personalchefs gab schließlich den Ausschlag und legte damit den Grundstein zu einer der bemerkenswertesten Schriftstellerkarrieren der Geschichte.

Zwischen 1900 und 1916 verfaßte er über 50 Bücher, einschließlich Roman- und Sachbuch, hunderte von Kurzgeschichten und zahllose Artikel in einer großen thematischen Bandbreite. Einiger dieser Bücher und viele der Kurzgeschichten sind Klassiker ihrer Art, wohlwollend aufgenommen von der Kritik und immer noch weltweit populär. Heute noch sind zahllose Ausgaben seiner Werke erhältlich und einige davon wurden in mehr als siebzig Sprachen übersetzt.

Im Alter von 29 war er eine internationale Berühmtheit durch den „Ruf der Wildnis“ (1903), den „Seewolf“ (der Moderoman des Jahres 1905) und weitere literarische und journalistische Arbeiten (für den Soziareport „In den Slums“ lebte er monatelang unter den Obdachlosen des Londoner East End). Er wurde von Bessie (Maddern) geschieden, seiner ersten Frau und Mutter seiner beiden Töchter Joan und Little Bess, und heiratete Charmian (Kittredge).  Im Gegensatz zur biederen und bodenständigen Bessie, war Charmian eine Femme Fatale, eine Abenteurerin und ein tänzelndes Geschöpf, welches den Autor umgarnte und ihm zugleich Kameradin und Assistentin war. „Mate“ nannten sie sich gegenseitig. Jack London war von ihrer sexuellen Freizügigkeit fasziniert, von ihrer Unverblümtheit in der Äußerung ihrer Ansichten und schätzte ihre Robustheit in allen gemeinsamen Unternehmungen. Freunde nannten seine neue Flamme schlicht „geschwätzig“ oder ein „Biest“, und mieden den Kontakt.

Das Leben in Glen Ellen war für ihn eine Flucht aus Oakland, der „Menschenfalle“ wie er es nannte. Aber so sehr ihn seine Pläne für die Ranch auch begeisterten, London schien zu ruhelos, zu begierig nach Abenteuern und Reisen, um sich für immer zurückzuziehen. Doch die scheinbare „Ruhelosigkeit“ erwies sich ebenfalls als Müdigkeit von der politischen Szene, von der ständigen Debatte, die ihm zu wenig greifbare Resultate bot. Auch seine ständig wiederkehrende Depression, die „weiße Logik“ wie er die alkoholumnebelten Selbstgespräche nannte, ließ ihn das Erreichen jedes Traums als ebenso grau und wertlos erscheinen, wie die Umstände, die den Traum hervorgerufen hatten.

Noch während seine Scheune und sein Haus im Bau standen, entschloß er sich, ein Schiff zu bauen und damit die Welt zu bereisen, erforschen, schreiben, Abenteuer bestehen, die großen Momente des Lebens zu genießen, um Stoff zu sammeln für neue Bücher. Die große Reise war für 7 Jahre geplant, das Schiff sollte 7000 $ kosten. Doch das Boot entpuppte sich als Dollargrab. Am Ende kostete das Schiff 30.000 $ und die Reise dauerte nur 27 Monate. Der großartige Motor riß im Hafen noch das Ankerspill aus den Nähten und explodierte später. Von ehemaligen sozialistischen Genossen höhnisch auf die Geldverschwendung angesprochen, pflegte er sich vor das Schiff zu stellen und zu sagen: „Den Bug dieses Schiffes zu sehen, heißt, die Kosten verstehen.“ Aber der herrliche Bug des Schiffes weigerte sich im Sturm, sich in den Wind zu drehen. Der Hauptgrund für die Rückreise von Sydney nach Oakland war allerdings eine schwere Erkrankung, von der Ärzte heute annehmen, daß es sich um Pellagra handelte, eine Art Stoffwechselerkrankung aus Mangel an Vitamin B2, die vor allem durch eine einseitige Ernährung von Cerealien herrührte, im Volksmund „Mais-Aussatz“ genannt.

Zurückgekehrt auf seine eigene Scholle, widmete er sich den Plänen für eine Traumresidenz, „Wolfshaus“ sollte sie heißen, genug Gästen Platz bieten und nach allen Regeln der Architektur ein gesundes Leben ermöglichen. Doch eine Nacht vor dem Umzug, brannte das Haus vollständig nieder. Brandstiftung wurde lange Zeit geargwöhnt, sogar seine Frau geriet in die Gerüchteküche, doch nach neuesten Erkenntnissen steht „Selbstentzündung“ durch ölgetränkte Lappen in jener heißen Augustnacht als einzige Erklärung in der Expertise.

London nahm es nach außen hin philosophisch, aber im Innern war er tief verletzt. Der Brand war ein finanzieller Ruin und schuf das Wrack eines langgehegten Traumes.

Der Verlust des Hauses hatte ihn deprimiert, aber schon ein paar Tage später zwang er sich wieder zur Arbeit. Einen 2000$-Vorschuß des Cosmopolitan Magazins nutzte er, um einen kleinen Anbau am Cottage anbringen zu lassen, der ihm fortan als Schreibstudio diente. Von hier aus, inmitten seiner geliebten Ranch, bediente er den nun immer schneller wachsenden Markt mit seinen Geschichten, Artikeln und Romanen. Von Zeit zu Zeit reiste er in den Osten, um Verleger in New York zu treffen oder er ging nach Los Angeles und San Francisco, um weitere Geschäfte abzuwickeln. Auch verbrachte er eine Menge Zeit auf seiner 30-Fuß-Yacht, „Roamer“, mit der er gern von der San Francisco Bay aus zum San Joaquin Delta segelte. 1914 ging er als Kriegsberichterstatter nach Mexiko um über die Rolle der US-Truppen und der Marine in der Villa-Carranza-Revolte zu recherchieren.

1915 und auch 1916 überredete Charmian ihn, mehrere Monate in Hawaii zu verbringen, wo er scheinbar besser entspannte und sich etwas mehr schonte. Seine größte Befriedigung fand er jedoch in seinen Ranch-Aktivitäten und seinen immer ambitionierteren Expansionsplänen. Diese Pläne hielten ihn ständig auf Trab und unter dem immensen Druck, so schnell zu schreiben, wie er nur konnte, um all das zu finanzieren, bedeutete das für ihn auch immer öfter die Qualität der Masse des Outputs zu opfern.

Seine Ärzte rieten ihm dringlich, kürzer zu treten, seine Arbeitsgewohnheiten zu ändern, den Alkohol zu streichen, sich an eine Diät zu halten und mehr Pausen einzulegen. Aber Jack London hätte ein anderer sein müssen, um sich daran zu halten. Er verweigerte jede Änderung seines Lebenswandel, trieb sich weiter zur Arbeit und unterstützte großzügig Freunde und Verwandte, wo er nur konnte. Seine vielen finanziellen Verpflichtungen sowie sein besorgniserregender Gesundheitszustand, trieben ihn zur Beschleunigung, immer größere Träume zu träumen und schneller und härter zu arbeiten. Als hätte er geahnt, daß ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde.

Am 22. November 1916 – die USA standen kurz vor ihrem Eintritt in den Weltkrieg – klagte Jack London nach dem Abendessen über starke Übelkeit und verließ die Tafel. Kurz darauf starb er an einer gastrointestinalen Urämie, einer Harnvergiftung. In seinen 40 Lebensjahren hatte er unter einigen Krankheiten zu leiden gehabt, einschließlich einer Niereninsuffizienz, die zeitweise äußerst schmerzhaft verlief. Nichtdestotrotz war er bis zum letzten Tag seines Lebens voller Pläne und voll von grenzenlosem Enthusiasmus für die Zukunft.

Reinhard Rael Wissdorf, Januar 2002

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