Den Vortex kalibrieren, aber schnell!

Technobabbel nicht nur in SciFi-Serien sondern auch in der Esoterikszene.

Unsere Zeit ist voller faszinierender Erfindungen, fast täglich kommen neue hinzu. Das dumme daran ist, dass Menschen mit den Jahrhunderten nicht klüger geworden sind. Und unser Gehirn hat sich seit einigen tausend Jahren auch nicht mehr maßgeblich verändert.

Unsere Arroganz übrigens ebenfalls nicht.

Manche Zeitgenossen machen sich einen Spaß aus der Vorstellung, einen Steinzeitmenschen per Zeitmaschine urplötzlich aus seiner Höhle bei Neanderthal auf eine belebte Kreuzung einer Großstadt zu befördern, sagen wir mal, den Times Square in New York. Und dann beömmeln sie sich bei dem Gedanken, was der wohl für ein blödes Gesicht machen würde.

Manche schließen auch mit sich selbst Wetten ab, wie lange der Urmensch da wohl überleben würde.

Ich finde diese Vorstellung nicht wirklich lustig. Denn das tatsächliche Ergebnis wäre ernüchternd. Der Steinzeitmensch würde sich nämlich gar nicht groß darüber aufregen. Dass er jetzt von seiner Höhle in eine ihm bis dato vollkommen unbekannte Welt versetzt worden ist, würde er sich mit irgendeinem Hexenzeugs erklären und nicht weiter drüber nachdenken. Dass lautstark heranrasende Monster auf vier Rädern gefährlich für ihn sind, weiß er spätestens seit ihn ein tollwütiger Elch quer durch den Finsterwald getrieben hat. Dass sein Fellkostüm und sein knorriger Prügel in der rechten Hand nicht ganz dem modischen Zeitgeschmack entsprechen, hätte er auch recht schnell kapiert. Nur wenige Wochen später säße der Urmensch im beschlipsten Anzug an einer Cappuccino-Bar und würde mit einem Anthropologen die neusten Börsenkurse diskutieren.

Er hätte natürlich immer noch keine blasse Ahnung, was diese vierrädrigen Blechdinger eigentlich sind. Klar lernt er, dass wir sie „Autos“ nennen, aber Hand aufs Herz, der Anthropologe neben ihm an der Bar hat auch keinen blassen Dunst, wie sie funktionieren. Wenn wir mal ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass das komplizierteste Werkzeug, dessen Funktion wir wirklich noch verstehen, bestenfalls ein Schraubenzieher ist. Alles andere geht deutlich über unseren Verstand. Und von Computern wollen wir hier gar nicht erst anfangen.

Das ist vollkommen in Ordnung so, und niemand braucht sich dafür zu schämen. Die Welt ist nicht nur heute kompliziert und unüberschaubar, sie war es auch schon zu Zeiten des mesopotamischen Weltreiches. Denn auch dort gab es bereits Gewitter, mit den dazugehörigen elektrischen Entladungen, die heute wie damals von den wenigsten verstanden wurden.

Dummerweise glauben aber viele, sie würden das alles verstehen. Und da dummdreiste Erklärungen wie „Die Götter zürnen“ wenn es blitzt, bei computerverwöhnten Gamekids nicht mehr so gut ankommen, kleidet man den gleichen Blödsinn in wissenschaftliches Kauderwelsch. Auch das ist in Ordnung. Das traurige ist leider, dass viele den Nonsens darin nicht erkennen.

Technobabbel ist ein Beispiel dafür, wobei diese rein fiktive Sprachvariante von den meisten Zeitgenossen noch als solche erkannt wird. Beispiel aus der Perrypedia, dem Perry-Rhodan-Wiki:

„Zur Einleitung der Überlichtflugphase wird das Hyperfeld des Objektes geschlossen. Dies geschieht einerseits durch spontane Verstärkung der Pseudomasse im Hamiller-Punkt unter Einhaltung ihrer Ausdehnung – es wird eine künstliche Singularität (der Metagrav-Vortex) oder Schwarzes Loch erzeugt – andererseits durch eine Neujustierung des Feldes.“

Jeder weiß, dass es keine überlichtschnellen Raumschiffe gibt, daran ändert auch das Gesabbel eines Schauspielers nichts. Wir müssen diese Phrase jedoch nur ein wenig herunterschrauben und einem Wallstreet Banker in den Mund legen, und schon klingt es wie ein ernsthaftes Statement.

Wirklich bedenklich wird der Gebrauch idiotischer Termini aber in der Esoterikszene. Schon allein der Gebrauch des Wortes „Energie“, lässt einen in Physik geschulten Menschen zusammenzucken. Denn was der Esoteriker oder besser „Wundergläubige“ da beschreibt, hat mit dem physikalischen Begriff der Energie recht wenig zu tun. Da sich die Esoterikszene für aufgeklärt hält, kann sie mit „Magie“ und „Okkulten Kräften“ nicht mehr so viel anfangen, und lässt sich daher neuerdings mit „Quantenkräften“ einlullen. Das klingt nach Stephen Hawking und Max Planck, das muss irgendwie stimmen. Einmal auf der richtigen Spur wird dann noch schnell die „Quantenmatrix“ draus, um noch mehr SciFi-Salz in den Esoquark zu streuen.

Wir müssen nicht alles verstehen. Das Wissen auf dem Globus häuft sich vor allem in den letzten Jahrzehnten exponentiell an, so dass wir alle eigentlich eine Erfindung bräuchten, welche die Wikipedia verflüssigt und uns per Spritze direkt ins Hirn injiziert. Aber wir sollten uns auch nicht einbilden, wir würden alles verstehen. Das tun wir nicht. Aber uns sollte klar sein, dass es den meisten ebenso geht. Und von Quantenmatrix zu reden, macht sie dann nicht klüger. Die Hollywood Industrie hat einen Begriff erfunden, der immer dann eingesetzt wird, wenn man für irgendeine dramatische Wendung etwas Sinnloses aber für die Handlung wichtiges braucht: das Unobtainium. Dieses Kunstwort entstand um das Wort „to obtain“, zu Deutsch: erlangen. Unobtainium hieße im Deutschen also in Etwa: „Nichtzukriegium“. Es gibt leider Mitmenschen, die inzwischen tatsächlich glauben, dass es Unobtainium wirklich gibt.

Dazu sagt uns Vortex Kalibrierspezialist Prof. Dr. Tibor Flaussig:

Unobtainium? Nichtzukriegium? Wie wärs mit Niximhirnium? Wenn ich diese quantischiefen Hypothosen sich selbst lackmeiernder Esoteriksuppenköche höre, rollen sich meine kalibrierten Quanten zur Hodentretmatrix auf! Diese Sabbelfritzen aus der Welterklärungsjahrmarktsbude entblöden sich tatsächlich nicht, den Erzengel Michael zu channeln, damit der uns dann mit tranceverzerrter Stimme ein Statement zum aktuellen Dollarkurs gibt! Denn das ist es ja, worum es bei all dem Hirngeschwurbel geht: um Dollars! Lasst euch nicht einseifen, von diesen Apologeten des angewandten Schwachmatismus! Heiliger Quantenarsch!

Autor: Rael Wissdorf, Copyright (13.09.2013), alle Rechte vorbehalten.
Erstveröffentlichung 13.09.2013