Drive the Wechselgeld Nüsse

Jeff. Ich heiße Jeff.

Wir haben uns in den letzten Patakaustik Beiträgen vornehmlich mit dem Sprachgebaren im normalen Umgang beschäftigt. Wird langsam Zeit, dass wir uns Spezialthemen zuwenden, die uns nicht minder auf die Nerven gehen. Ein herausragendes Sujet in welchem sprachlicher Nonsens recht häufig in freier Wildbahn anzutreffen ist, stellt natürlich die Werbebranche zur Verfügung. Wobei hier natürlich nicht nur sprachliche Kriterien untersucht werden sollen, sondern ganz allgemein alles, was uns in täglichen Werbesendungen auf die Palme treibt.

Theoretisch könnten wir uns dann ein ganzes Leben lang damit beschäftigen, denn die Werbedummheit ist unendlich. Daher wollen wir uns auf einige ganz subjektiv ausgewählte Beispiele beschränken.

Harz4-Empfänger, selbständige Nachtarbeiter und ungehorsame Teenager kennen das Nachtprogramm aus dem FF. Und ab einer gewissen Uhrzeit werden da fast nur noch einschlägige Erotik-Angebote beworben. Die unfassbar dümmlich geplärrten Nullhundertneunzig fümmunfümmzich-sexsex Slogans wollen wir hier gar nicht weiter erwähnen, denn dass diese sich nicht an das Gehirn oder gar Sprachzentrum des Zuschauers wenden, sondern an einige Etagen tiefer, wird selbst dem Dümmsten schnell klar. Das einzige Bonmot, welches es hier jemals über den Dunstkreis maßloser Flachheit herausgeschafft hat, dürfte der Spruch der Domina sein, die peitschenknallend skandierte: RUF.MICH.AN.

Verlassen wir also mal den breiten Pfad der tektonischen Geldschneiderei und schauen uns ein relativ neues Werbefeld an. Die wie Pilze aus dem Boden schießenden Partnervermittlungsportale oder dummdreist „Fickanbahnungs“-Institute aus dem Internet. Hier gibt es zwei herausragend hirnfreie Spots, die einem Sprachtaliban körperliche Schmerzen bescheren.

Da wäre vor allem mal Jeff. Oder Mike. Jeff ist ein Hallodri, der immer mit der gleichen Blonden im Bett liegt, sich an der Tür verabschiedet oder mit betont-gespieltem Unschuldsblick nach oben schauend auf die einzige Textzeile seines sich wie eine Schlange windenden Laszivität heuchelnden blonden Partnerin wartet, die da lautet. „Los. Ssssssag schon, was du willst.“

Jeffmike ist ein Minikojak für Arme. Warum man sich ausgerechnet diesen auf US-Deutsch getrimmten Pseudofarbigen ausgewählt hat, bleibt der Political Correctness-Beauftragten der Agentur überlassen. Was uns in einer deutschen Werbesendung immer wieder erstaunt, ist sein Name. Grundsätzlich hat die Blonde den nämlich immer vergessen und verwechselt ihn offensichtlich mit einem gewissen „Mike“, den sie morgens im Bett oder im Bademantel an der Tür verabschiedet. „Mach’s gut Mike!“ Woraufhin sich unser glatzköpfiger Schokolover umdreht und leicht beleidigt korrigiert: „Jeff. Ich heiße Jeff.“

Frage Nummer eins: Was soll das mit der Namensverwechslung? Ah, verstehe. Das soll ausdrücken, dass das blonde Gift mit unzähligen Typen ins Bett steigt, die sie alle bei diesem Portal aufgerissen hat, und daher Mühe hat, sich die Namen zu merken. Und unser männliches Gegenstück von gleicher Intelligenz, erwartet offensichtlich, dass seine sexuellen Leistungen derart einzigartig sind, dass man ja unmöglich seinen Namen vergessen kann. Dieser Idiot. Natürlich vergisst sie seinen Namen, sie hat das Gehirn einer Erdnuss. Hallo!

Frage Nummer 2: Warum Jeff oder Mike? Der Typ spricht akzentfreies Deutsch, ist also offenkundig im Braunschweiger Raum aufgewachsen, warum heißt der „Jeff“? Sind englisch wirkende Namen cooler als deutsche? Jeff ist die Kurzform von Jefferson, diesen Namen gibts im deutschen nichtmal ansatzweise. Wieso kann er nicht Alexander oder Gottfried heißen? Oder meinethalben auch Torben? Nein, es muss englisch klingen. Grottig.

Kommen wir zu einem besonders nervtötenden Spot, der uns schon allein seiner unfassbar eintönigen Musikuntermalung zur Fernbedienung grapschen lässt: Die Werbung für einen SMS Service, in welchem man ein Wort in Verbindung mit der Nummer 55 eingeben und wegschicken soll. Zunächst sieht man einen bärtigen Typ mit Langhaarschnitt mittleren Alters. Schon allein diese Auswahl stimmt nachdenklich. Das soll ein Sexsymbol sein? Als weibliches Gegenstück bekommen wir eine leicht schlampig frisierte Allerweltstussi aus dem Aldi um die Ecke serviert. Was ist so toll an der, dass ich sofort zum Handy greifen soll?

Aber es kommt besser: jetzt folgt eine Parade der Vollpfosten, die deutlich machen sollen, wie schwer es ist, an einen vernünftigen Bumspartner heranzukommen, und dass man demzufolge dringend diesen SMS Dienst braucht. Dummerweise sehen die angeblichen Schwachmaten an der Tür aber kaum schlimmer aus, als die Protagonisten selber. Okay, die alte Dame mit der Kerze hat sich bestimmt nur in der Tür geirrt, und der besoffene Hooligan ist schlicht ins falsche Appartement gestolpert, aber der Rest ist ja keineswegs dämlicher als der angebliche „Glücksgriff“. Viel dümmer ist der Spruch: „Geben sie MANN ein, wenn sie ein Mann sind, und geben sie FRAU ein, wenn sie eine Frau sind.“

Meine Güte. Soviel Intelligenz bringe ich ja grade noch auf. Es juckt mich in den Fingern, das Handy zu nehmen und da GIRAFFE einzutippen oder BLUTEGEL.

Diese Werbespots sind der Fluch des Privatfernsehens. Es ist ja nett, dass ich nun seit einigen Jahrzehnten ab 1 Uhr nachts nicht mehr auf graues Flimmern starren muss, als damals die öffentlich rechtlichen Sender noch meinten, sie könnten allen Bundesbürgern diktieren, wann sie ins Bett zu gehen hätten. Aber diese Form der Werbung, die dann jeden Spot auch noch pausenlos so lange wiederholt, bis man gefoltert aufschreit, tut im Grunde verdeckt das Gleiche. Nachtmenschen werden in dieser Gesellschaft nach wie vor gemobbt und bestraft. Ich will meine Spacenight wieder haben! Ich frage mal, was Tibor Flaussig dazu sagt:

Anglismen im Fernsehen? ENGLISCHE Werbung? Das grassiert ja derart, dass ich inzwischen schon nicht mehr weiß, ob ich Jeff oder Mike heiße! Diese Beispiele sind ja noch gar nix! In „Voice of Germany“ fängt das ja schon beim Titel an, wieso kann das nicht „Stimme Deutschlands“ heißen, hä? Und dann reden die dauernd von „Challenge“ und „Performance“, ja sacht mal ihr Brunftbacken, bin ich ein Space Shuttle oder was? Aber am beklopptesten war ja wohl der Renault Spruch: Drive the Change! Drive the Change, was zum Henker soll das heißen? Fahre den Wechsel? Change ist im englischen vor allem das Wechselgeld, also soll ich kein Auto sondern Wechselgeld fahren? Wisst ihr was, ihr Renaultfuzzis? Setzt euch auf ne 10cent Münze und fahrt mir damit den Buckel runter!

Anmerkung/Nachtrag vom 23. 11. 2017: Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Jeff wirklich Jeff heisst, aus Landshut stammt und Fliesenleger ist. Jetzt ist er ein Star und hat sogar ein Buch herausgebracht. Titel: „Jeff, ich heisse Jeff“. Wetten, bald ist er im Dschungelcamp. Heiliger Bimbam!

Autor: Rael Wissdorf, Copyright (29.08.2013), alle Rechte vorbehalten.
Erstveröffentlichung 29.08.2013