Jack Abbotts Schatz

Veröffentlicht von RWissdorf am

Jack Abbotts Schatz

Vor vielen Jahren veröffentlichte ich einen Sammelband mit dem Titel „Bis ans Ende aller Welten“. Wer den besitzt, muss diese Ausgabe jetzt nicht kaufen (obwohl zwei Geschichten drin sind, die so in noch keinem Sammelband erschienen sind). Dieses gebundene und überaus teure Buch war dann irgendwann vergriffen und es bestand kein Interesse, es nachzudrucken. Also erlaubte ich dem Endeavour Verlag, die Stories als E-Book herauszubringen. Doch seit einigen Jahren ist er auch dort nicht mehr verfügbar, man sucht danach vergebens. Deshalb freut es mich, dass der Trivocum Verlag beschlossen hat, diesem unwürdigen Zustand ein Ende zu setzen. Nun gibt es also „Jack Abbotts Schatz“ mit einem wundervollen Coverbild von Jonny Lindner als Taschenbuch und E-Book erneut zu kaufen. Hier sind nur die „langen“ Erzählungen drin, die kurzen sind alle in „Bombay Business“ enthalten. Wenn man also beide Bücher besitzt, hat man meine gesamte Kurzprosa.

In „Bis ans Ende aller Welten“ gab es ein Nachwort, in welchem ich ein wenig über die „Geschichte hinter den Geschichten“ resümierte. Dieser Epilog ist in der neuen Ausgabe nicht mehr drin. Daher bringe ich ihn hier online, falls sich irgendjemand dafür interessiert. Ergänzt um die Geschichten, die in BaEaW fehlten. Viel Spass.

Die Geschichte hinter den Geschichten

Die vorliegenden Stories bilden einen Querschnitt meines „Schaffens“ (meine Güte, klingt das hochtrabend) der letzten 34 Jahre. Insofern könnte man das durchaus als „Thema“ bezeichnen: 34 Jahre Geschichten von Rael Wissdorf. Jede dieser Geschichten hat ihre Geschichte. Ich weiss noch genau, wann ich sie schrieb, in welcher Lebenssituation ich war und was ich dabei empfand. Für mich ist das also ein nettes Stück Biographie, und ich hoffe, Sie hatten beim Lesen wenigstens ein wenig Spass (eitle Hoffnung eines Autors, ich hoffe man verzeiht mir das). Ok, wollen Sie’s wissen? Einige Anekdoten um diese Stories? Gut, wenn nicht, klicken Sie halt einfach weiter.

 Die Wanne: hey, das war mein grösster literarischer Erfolg. Ich schrieb sie 1987, als ich am Bodensee wohnte, grässlich langweilige Gegend und Internet gabs damals noch nicht, es war einsam, wie am Nordpol. In Konstanz gabs dieses elitäre Literaturmagazin namens „Wandler“ und denen schickte ich diese Story. Mein Stolz ist hier der Anfang der Geschichte, da sie mit dem Wort „dann“ beginnt: „Dann hielt sie ihren Finger in das Badewasser“, das fand ich damals schlicht genial; mein Autorenkollege und Freund Harald Evers nannte es „dämlich“ aber ich blieb stur. Die Geschichte wurde vom elitären Wandler genommen, und ich sah mich schon dem Büchnerpreis entgegenwanken. Die größte Genugtuung kam aber gute 15 Jahre später, denn da hatte doch tatsächlich eine Schulklasse aus Brandenburg diese Geschichte im Deutschunterricht gelesen und man fragte mich nun per Email nach meiner eigenen Intention dazu. Whow! Hey Kids, ihr habt mich damals wirklich stolz gemacht. Für ein paar Minuten hielt ich mich für einen bedeutenden deutschen Literaten, habt Dank dafür!

Bombay Business: Wie sich viele denken können, ist diese Geschichte ein wenig biographisch. Hehe, genau genommen, hat sich das auch wirklich so zugetragen, denn ich war dieser dämliche Jonas. Nicht zu verwechseln mit „Die heilige Deva“, das war NICHT ich! Aber für diese Bombay Story habe ich tatsächlich mal einen Kulturpreis gewonnen, immerhin 2000 DM, damals eine Menge Geld für mich und ich lud meine Freunde zum Essen ein. (Hinweis: diese Geschichte ist in diesem Sammelband nicht enthalten).

Und wo wir grad beim Thema sind, muss auch über Die heilige Deva gesprochen werden, denn diese Geschichte hat auch einen autobiographischen Background. Natürlich nicht aus Sicht des Protagonisten Rolf, aber es gab Kamla tatsächlich und sie hiess auch so. Sie war aber kein Mädchen auf der Schwelle zur Frau, sondern ein Kind von vielleicht 10 Jahren. Ich war damals mit meiner damaligen Freundin K. in Bombay, genauer gesagt Juhu Beach und wir schlenderten durch die Menge. Irgendwann war dann diese Kleine da, sie ergriff einfach unsere Hände und führte uns durch „ihre“ Welt. Wir kauften Reis (den wir gar nicht brauchten), Zigaretten (die ich dringend brauchte) und allerlei Krams, überall da, wo sie uns hinführte. Sie war wirklich perfekt, denn sie verdiente an dem Abend wahrscheinlich einen Wochenlohn an Provisionen der verschiedenen Händler. Uns dämmerte natürlich erst ziemlich spät, was das für ein Spiel war, aber wir spielten es mit, denn Kamla war wirklich süss. Auch wenn wir kein Wort von ihrem Geschnatter verstehen konnten. Irgendwann war sie einfach weg und wir lächelten uns selig an: da hatten wir „reichen“ Europäer doch mal was Gutes getan, oder? Daraus machte ich dann diese Geschichte, weil K. und ich uns eh in einer Trennungsphase befanden und Sex Mangelware war, also baute ich noch diese Deflorationsphantasie mit ein.

Ree! Die Geschichte hat auch einen biographischen Hintergrund, denn diese Marina gab es tatsächlich. Und ich war verknallt in die. Und sie hatte einen ätzenden Exmann, der wirklich ein Sackgesicht war. Und mit dieser Geschichte hab ich versucht, mich bei ihr einzuschleimen und gleichzeitig dem Kotzbrocken eins auszuwischen. Ist beides nicht gelungen, aber die Geschichte ist doch einfach nur süss, oder?

Wandler. Zu dieser Geschichte inspirierte mich eine Story von R.A. Lafferty, „Die Sechs Finger der Zeit“. In dieser Geschichte geht es darum, dass ein Mann zum „Flash“ wird, also superschnell, weil die Zeit für ihn anders verläuft. Bei mir dagegen um Parallelwelten. Ich weiss heute nicht mehr, warum der Protagonist bei der Einwanderungsbehörde arbeiten will, aber ich muss wohl meine Gründe gehabt haben. Ein anderer, der für die Story Pate stand, war Franz Kafka.

Jack Abbotts Schatz ist eine Hommage an alle Seefahrer Romane, die ich gelesen hatte, sowie an Jack London direkt. Geschrieben wurde sie für eine Anthologie mit Weihnachtsgeschichten, die im Lübbe Verlag erschienen ist (Weihnachtszauber). Der Name Abbott ist Absicht, denn so heisst die Urenkelin von Jack London – Tarnel Abbott – die ich persönlich in der Nähe von Oakland besuchte und über Jahre eine enge Freundschaft unterhielt. Sie war es auch, die meine Webseite „Jack London International“ international machte und den Familienabschnitt beisteuerte. Die Geschichte selbst hat natürlich weder etwas mit Jack London zu tun, noch erinnert sie an seine Werke. Es ist einfach eine Romanze, die auf hoher See spielt, bzw. auf einer Insel. Und das auch nicht zur Gänze. Sie ist halt einfach Jack London und Tarnel Abbott gewidmet.

Die Freggel und der Zauberer. Ich weiss nicht mehr, wie ich auf die Idee kam, ein Märchen für Kinder zu schreiben. Wobei es mit den kleinen zeitgenössischen Kalauern eigentlich auch gar kein Kindermärchen mehr ist. Aber es war das erste, und seitdem habe ich so manches Märchen geschrieben (Ha! Neue Idee für einen Sammelband.) Die Freggel hiessen ursprünglich „Fakel“ und die Geschichte selbst hiess „Fakel in Senfsauce“. Besonders beliebt bei Lesungen waren die Grummelbüsche. Auf die hab ich ein Copyright. Ich glaube, die Geschichte ist vom Stil ein wenig von „Das letzte Einhorn“ inspiriert.

Der spanische Zug. Fans des irischen Sängers Chris de Burgh werden sehr schnell merken, woher ich diese Inspiration hatte. „Spanish Train and other Stories“ war sein zweites Album und es hatte einen Riesenerfolg. Noch heute bringt der große Singer/Songwriter diese vortreffliche Ballade in jeder Zugabe, meist mit einer amüsanten Einleitung. Ich hatte irgendwann das dringende Bedürfnis, die ganze Geschichte zu erzählen, wobei ich nur die Grundidee einer Pokerpartie zwischen Gott und Satan übernommen bzw, zitiert habe. Ich bin etwas betrübt, dass Chris de Burgh sie wohl nie lesen wird.

Das Spukhaus am Bodensee. Es gehörte damals zu meiner Übungsphase aus jedem Genre eine Geschichte zu schreiben, weil ich wissen wollte, wie die verschiedenen Bereiche funktionieren. Und da ich damals am Bodensee lebte, lag es nahe, die Geschichte dort auch anzusiedeln. Und den Marillenbrand habe ich während des Schreibens gelöscht.

Arme Ritter, Abber Arm. Das war doch tatsächlich eine Auftragsarbeit des Emons Verlag. Petra Balzer und Belinda Rodik sollten einen Sammelband mit historischen Kurzkrimis herausbringen und ich gehörte zu den Auserwählten. Also strickte ich eine Geschichte um einen Minnesänger, der als Ermittler tätig wurde. Meine Güte, ich bekam das Manuskript von Frau Balzer lektoriert zurück, und ich schwöre, dass ich noch nie soviel Rot in einem Text gesehen habe. Ja, Emons ist gründlich. Sie bemängelte zig kleine historische Ungereimtheiten und ich musste tatsächlich erstmal recherchieren, was eine Kemenate war. Ich schrieb das Teil dreimal um, dann beschloss Emons mangels Masse die Anthologie einzustampfen. Pech eines Autors, das ist völlig normal. Ich schrieb das Teil dann irgendwie fertig und veröffentlichte es selbst, so geht das.

Der Rabe. Eine ganz persönliche Verarbeitung eines kleinen Traumas. Denn in meiner Zeit als Musiker war ich unter anderem am Staatstheater Darmstadt für Bühnenmusik engagiert. Eines der Stücke, welche ich am häufigsten gespielt habe war „Die Verfolgung und Ermordung des Jean Paul Marat, dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospiz de Charenton unter der Leitung des Herrn Marquis de Sade“. Das ist wirklich der komplette Titel und ich habe ihn hier aus dem Kopf aufgeschrieben und nicht etwa nachgoogeln müssen. In diesem Stück lässt sich der Marquis auspeitschen und zitiert dabei die Qualen des Damiens, die dieser bei seiner Hinrichtung erdulden musste. Das habe ich mir ca. 300 Mal anhören müssen, bis es mich in meine Träume verfolgte. Also schrieb ich diese Geschichte, um mich selbst zu exorzieren.

Das weisse Kreuz des Meeres. Das ist streng genommen die neueste dieser Geschichten, denn ich schrieb sie um 2003 oder 2004 zur Hälfte und die andere Hälfte erst in diesem Jahr, also 2018. Ich war damals, 2003, auf Gran Canaria und hörte von irgendwoher, dass man einen Riesenfund Kokain gemacht hatte. Und die übrigen Urlaubsgäste erzählten dann einen Haufen Seemannsgarn über verschwiegene Buchten, in denen Tonnen dieses Pulvers anlanden würden. War natürlich Quatsch. Aber ich hatte dann diese Idee, als ich eine Weihnachtsgeschichte brauchte. Ich blieb aber irgendwo auf hoher See stecken und hatte absolut keine Idee mehr, wie ich das weiterführen sollte. Dann fiel sie mir beim Sichten dieser Anthologie wieder in die Hände und ich dachte, hm, das ist ein ganz formidabler Stoff, wieso hab ich die nicht zu Ende geschrieben? Und tat es einfach. Die Story ist übrigens einer gewissen Katja P. gewidmet. Sie weiß schon, warum …

Gleich und Ungleich. Warum ich diese Geschichte geschrieben habe, ist mir total entfallen. Sie ist auch sehr alt. Ich denke mal, ich war von irgendetwas inspiriert, vielleicht las ich damals Albert Camus oder Andre Gide, wobei das keine echte Erklärung wäre.

Ich finde es schön, dass diese Erzählungen nun in einem Band versammelt sind, denn dann sind sie nicht so alleine. Und wer weiss, vielleicht findet sich ja die eine oder andere Lieblingsgeschichte darunter, die ein Leser mal seinen Kindern vorliest. Darüber würde ich mich freuen.

Rael Wissdorf im Jahr 2008/2018.

Wer das Buch haben will, bekommt es hier:

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Taschenbuch