Ehrlichkeit ist Lüge

Veröffentlicht von RWissdorf am

Es gibt gewisse Floskeln, die uns bitter entlarven. Vor allem die Floskel »Ehrlich gesagt…« – oder die Variante »jetzt mal ganz ehrlich« – oder als Einschub »… und das meine ich ganz ehrlich«. Potzblitz: Ansonsten wird also nur gelogen? Und nur jetzt »mal« ganz ehrlich gesprochen? Ist wohl so.
Ferner beschreiben sich Menschen sehr häufig als »ehrlich«. Sie begründen sogar rüdes Sprachverhalten damit, oder schlicht ihre bösartige und beisserische Natur, indem sie vorgeben »ich bin eben ein ehrlicher Typ, ich kann mich nicht verbiegen. Ich sage frei heraus, was ich denke. Wenn euch das nicht passt, mir auch egal!«
Das ist so ziemlich die verlogenste und heuchlerischste Methode, seine Unsensibilität zu kaschieren. Am Ende sollten wir Schilder auf der Stirn kleben haben: »VORSICHT EHRLICH!«, damit all die Sanftmütigen schnell Reissaus nehmen können?

Patakaustik dagegen behauptet: Wer sich als besonders ehrlich darstellen muss, hat besonders viel zu verbergen. Denn eigentlich sollte ja Ehrlichkeit etwas Selbstverständliches sein, oder nicht? Um Himmels willen, nein! Ehrlichkeit ist sogar in den meisten Fällen schlicht selbstzerstörerisch.

Es gibt ja sogenannte »Lügen Päpste«. Dazu gehören die Protagonisten der Serie »Lie to me« aber auch reale Personen wie Jack Nasher, die sowohl die Kriminalpolizei, wie auch die Wirtschaft beraten, um Lügen zu enttarnen. Und sie sagen Dinge wie »Jeder Mensch lügt täglich zwischen 32 und 200 Mal«.

Whow. Dabei ist natürlich zu klären, was bereits als Lüge gilt, und was nur »verzerrte Wirklichkeit« ist, oder, um mal ein modernes Wort zu verwenden, »alternative Fakten«. Werde ich gefragt »Wie geht es dir«, habe ich oft nicht die geringste Lust, dem Gegenüber jetzt mein Seelenleben auszubreiten, also antworte ich einfach »danke gut.« Was natürlich so nicht stimmt, aber ist das bereits gelogen? Definitionssache.

Schauen wir uns mal Sinn und Zweck der Lüge an. Menschen lügen, um die Wahrheit zu verschleiern. Und überall da, wo Wahrheit verschleiert werden muss, um zB ein höheres Ziel zu erreichen, muss gelogen werden. Jeder Spion lügt. Täte er das nicht, wäre er ein toter Spion. Politiker lügen, das ist eine Binsenweisheit. Wobei hier allerdings die Lüge sehr versteckt liegt. Sie können es sich im Wikipedia Zeitalter nämlich nicht mehr erlauben, dreist zu lügen, denn Fakten sind per Internet schneller gegengecheckt, als ein Politiker »so wahr mir Gott helfe« sagen kann. Trumps Aussagen werden daher auch schon lange nicht mehr als Lügen bezeichnet, sondern schlicht als »Falschaussagen«. Denn der Kerl glaubt ja, an das, was er redet. Zumindest nimmt man das an.

Damit haben wir eine weitere Eigenschaft der Lüge: Bewusste Unwahrheit. Manche verwenden den Begriff der Lüge falsch und bezichtigen auch Irrtümer und Missverständnisse als »Lügen«. Das ist falsch. Beispiel für eine Lüge:
Lehrer: »Hast du die Hausaufgaben gemacht und wirklich nur zu Hause vergessen?«
Schüler: »Ja, Herr Lehrer, ich habe sie gemacht. Ich habe nur das Heft vergessen«.
Diesen Satz kann ich besonders gut analysieren, weil es nämlich ein Standarddialog zwischen mir und meinem Mathelehrer war. Und natürlich habe ich jedesmal gelogen. Ich habe bewusst die Unwahrheit gesagt, denn ich hatte die Hausaufgaben nicht gemacht. Und das Heft hatte ich nicht vergessen, ich hatte es bewusst zu Hause liegen lassen. Ich war definitiv ein Lügner. Aber… was hätte ich denn tun sollen? Zugeben, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht habe, hätte eine Verschlechterung meiner Noten bewirkt, und das konnte ich mir nicht leisten. Folglich wäre es ziemlich dumm gewesen, hier die Wahrheit zu sagen.
Das also, ist Lüge.

Wir lügen tagtäglich aus den verschiedensten Gründen. »Deine Frisur sieht toll aus«. – »Oh, das Essen schmeckt… interessant!« – »Ja, dein Töchterchen wird bestimmt bei DSDS gewinnen!«
Alles gelogen. Aber … warum sollten wir denn hier mit der Wahrheit um uns prügeln? »Deine Frisur ist scheisse.« (Viel Spass mit dem Rest des Tages und wegen Sex brauchst du gar nicht erst zu fragen). »Die Lasagne schmeckt wie schonmal gegessen«. (Gleiches Ergebnis wie bei der Frisur). »Dein Töchterchen singt schlechter als der Eisbecher, den ich eben weggeworfen habe«. (Bringt Respekt bei Dieter Bohlen ein, aber sie verlieren einen Freund/eine Freundin).
Wir lügen also nicht nur, um eigene Unbill zu vermeiden, wir lügen auch oft, um uns entweder vor Auseinandersetzungen zu drücken, oder schlicht aus … Höflichkeit. Aus Mitgefühl. Aus Rücksicht.

Deshalb sind mir Menschen, die sich in sozialen Medien oder persönlichen Gesprächen gerne als »rückhaltlos ehrlich« bezeichnen besonders suspekt. Denn entweder stehen sie so weit oben in der Nahrungskette, dass sie es sich schlicht leisten können, immer die Wahrheit zu sagen. Oder sie sind Psychopathen, die besonders raffiniert lügen.

Heinrich VIII zb stand so weit oben in der Nahrungskette, dass er es nicht nötig hatte, zu lügen. Über ihm stand nur noch Gott, und der mischte sich in seine Politik nicht ein. Er konnte also ganz unverblümt sagen: »Die Alte geht mir auf den Senkel, ich lass sie köpfen und besorg mir ne Neue«. Trotzdem log auch er: Wenn er nämlich die Neue umgarnte.

Wir alle sind das Produkt einer tausend Jahre alten Lügentradition. Wer in früheren Jahrhunderten beim Lügen erwischt wurde, riskierte – laut Jack Nasher – sein Leben. Ergo lernte man perfekt zu lügen, ohne sich erwischen zu lassen. Wir sind also die Spitze einer Evolution des Lügens. Deshalb schätzen wir ja Ehrlichkeit so sehr. Weil wir wissen, dass Ehrlichkeit immer mit Stärke und Mut einhergeht – oder eben mit einer extrem hohen Position. Aber die Position muss schon verdammt hoch sein, denn wir wissen, dass selbst Präsidenten über Lügen stolpern.

Lügen ist also normal, es gehört zum Menschsein. Was uns bedroht, sind die Lügen von Psychopathen, die es nicht gut mit uns meinen. Diese zu entlarven, sollten wir lernen. Aber das ganz normale Lügenlevel des Alltags sollten wir tunlichst nicht an den Pranger stellen. Jedenfalls nicht, solange wir im Glashaus sitzen.