Erstveröffentlichung 10.10.2013

Das zeitgemässe KO-Argument für unbequeme Zeitgenossen lautet „Sucht“. Sucht ist das Thema unseres Jahrhunderts. Das Witzige daran ist, dass es den Begriff „Sucht“ im rein wissenschaftlichen Sinne gar nicht gibt. Oder nicht mehr gibt. In der medizinischen Fachwelt spricht man bestenfalls vom „Abhängigkeitssyndrom“, was viele als einen Euphemismus für den gleichen Begriff ansehen mögen.

Sucht war ein Schlagwort des 20. Jahrhunderts und wurde erst in den 80er Jahren aus dem Sprachgebrauch der Medizin gestrichen, um betroffenen Personen das Stigma des Süchtigen zu nehmen. Süchtig sein, das bedeutete ja in der angepassten Vermeidungsgesellschaft der braven Bürger auch gleichzeitig „Schwäche“, „Mangelnde Willenskraft“ oder einfach „krank“. Wobei letzteres sogar stimmt, denn Sucht war im Mittelalter nur ein anderes Wort für Krankheit. Fallsucht, Schwindsucht, Wassersucht… all das sind medizinisch anerkannte Krankheiten, für die ein Kranker nun mal nichts kann. Man zieht sich Tuberkulose nicht durch Willensschwäche zu. Das, was wir heute als Sucht bezeichnen, kannte man bestenfalls als Trunksucht, also Alkoholismus.

Als dann im Zuge der Moderne gewisse gefährliche Substanzen an der Moral der Bürger rüttelten, allen voran das gemeingefährliche Heroin oder das hinterlistige Kokain, oder noch viel schlimmer, das mörderische und jede Moral untergrabende Haschisch, wurde der Begriff Sucht zum Alltagsthema. Süchtige, das waren grundsätzlich die Gescheiterten, die Unfähigen, die bemitleidenswerten Loser. Und diese Färbung hat das Wort Sucht bis heute behalten. Dabei wird es gerne auch als Mittel zur übertriebenen Darstellung von Leidenschaften und Neigungen verwendet. „Ich bin süchtig nach alten Schwarzweissfilmen“ (durch RGB Regler kurierbar), oder „Ich bin süchtig nach Frankreich“ (durch Baguette quer in den Hals kurierbar) werden gerne in den Raum geworfen. Wo sie dann belächelt liegenbleiben.

Inzwischen aber wird mit der Suchtkeule von Vertretern und Marktschreiern der Spiessergesellschaft gerne auf alles draufgedroschen, was ihnen suspekt erscheint. Aus jedem Hype wird eine Sucht konstruiert, die – einmal begrifflich so diffamiert – einen Handlungsbedarf suggeriert.

Zum Beispiel moderne vernetzte Kommunikation im Internet. „Internetsüchtig“ ist das Schlagwort, welches seit einiger Zeit wie ein Virus durch die Medien grassiert. Kombiniert mit der noch tödlicheren Variante „Computerspielesüchtig“ wird es dann zur gesellschaftlichen Fliegenklatsche mit der man gleich Tausende von Gamern und Bloggern auf einen Streich diskreditiert. Man braucht nicht darüber nachzudenken, was da wirklich passiert. Der allgemeine Aufschrei „Sucht!“ genügt völlig, um jedes Argument aus den Schuhen zu hauen. Der so Etikettierte kann sich nur noch schamvoll hinter seine Tastatur verkriechen. Am Ende glauben es die jämmerlichen Opfer der Schubladenmoral dann selber, sie seien süchtig, und melden sich zu Entziehungskuren an. In einem überwachten Umfeld, welches sich nur in wenigen Details von einem Gefängnis unterscheidet, müssen sie dann Tage, Wochen, Monate ohne Computer auskommen. Genau wie ihre Eltern. Die brauchen das nicht. Die schauen Fussball und Chartshows auf RTL, das ist gesund. Selber schuld, diese Versagerkinder, was mussten sie auch unbedingt 8 Stunden in einem Raid in Age of Conan verbringen.

So gesehen kann natürlich alles als Sucht verfemt werden, was Spass macht. Wir sind Schokoladensüchtig, Fernsehsüchtig, Sexsüchtig, Fitnessüchtig, ja sogar lesesüchtig wird allzu Bildungshungrigen gerne hinterhergeschrien. Angeprangert von eigentlich bedauernswerten Meinungsmachern, die mit einer perfiden Behinderung auf die Welt gekommen sind: ihnen fehlt schlicht das Lustzentrum im Gehirn. Tut man irgendetwas, egal, was es ist, nicht in einem ihnen genehmen, von einer offenbar geheimen Gesellschaft vorgegebenen Maß, wird es sofort als Sucht gebrandmarkt. Es wird Zeit, den Begriff Sucht wieder dafür zu verwenden, wofür er eigentlich gedacht war, als Wort für Krankheit. Alkoholkrankheit ist etwas reales, aber man wird wohl kaum jemanden „computerkrank“ nennen wollen. Es sei denn der Computerlüfter enthielte Asbeststaub.

Dazu sagt Suchtexperte und amtierender Klebstoffschnüffelchampion Tibor Flaussig:

Sucht! Heute ist alles Sucht! Das ist doch wieder mal typisch für diese griesgrämigen calvinistischen Sauertöpfe der bürgerlichen Triplemoral! Ich bin zum Beispiel süchtig nach Essen. Jeden Tag muss ich essen! Ich hab mal 2 Wochen nix gegessen, um mich diesem Zwang zu entziehen, und bekam fürchterliche Entzugserscheinungen. Bauchkrämpfe, Triefaugen, am Ende fand ich sogar Wirsing lecker! Entsetzlich! Ist ja auch kein Wunder, meine Mutter hat mich ja schon mit ihrer heimtückischen Muttermilch angefixt! Irgendwann streut man Salz auf seine Fingernägel und mampft sie weg. Hab aufgegeben, heute häng ich wieder an der Wurststulle.

Wisst ihr was? Ich hab vor kurzem bemerkt, dass ich auch Sauerstoffsüchtig bin! Ich bin abhängig von Luft… ach du heilige Scheisse! Aber euch zeigs ich’s – ich komm davon weg, jawohl, ich halt jetzt einfach so lange die Luft an, bis…….(röchel).

Autor: Rael Wissdorf, Copyright (10.10.2013), alle Rechte vorbehalten.