Jack London – Die Zwangsjacke

Jack London – Die Zwangsjacke

The Star Rover (Die Zwangsjacke):
Astralwanderung im Strafvollzug

Dieser Essay erschien – zusammen mit einer Kurzbiographie, die hier ebenfalls gelesen werden kann – in einer Neuausgabe des Romans „Die Zwangsjacke“ im Axel Dielmann Verlag in einer Neuübersetzung der talentierten Uschi Gnade.

Von Reinhard Rael Wissdorf

Sah sie ihn mit runden, bewundernden Augen an, oder blickte sie skeptisch von der Seite? Sass sie ihm offen gegenüber oder verkroch sie sich hinter ihrem Notizblock und kaute an ihrem Bleistift, während sie ihm lauschte? Wir wissen nicht, was die junge Journalistin Sophie Treadwell am 28. Februar 1914 auf Jack Londons Ranch wirklich tat, als sie den berühmten Autor zu seinem neuen Romanprojekt interviewte. War sie gekommen, weil sie glaubte, von dem Sohn des bekanntesten Astrologen Amerikas und einer berüchtigten Spiritistin etwas bahnbrechendes über Reinkarnation zu hören? [1] Wenn ja, dann wurde sie enttäuscht, denn zu hören bekam sie dies: Mehr lesen

Jack London – Eine Biographie mehr

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Das kurze Leben des Jack London

San Francisco war in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf ähnliche Weise eine Art „Flower-Power“ Metropole, wie hundert Jahre später in den sechzigern des zwanzigsten Jahrhunderts. Unzählige okkulte Gruppen, spiritistische Zirkel und selbsternannte Propheten, zudem gewagte soziale Gruppenexperimente und vollkommen neuartige Lebenskonzepte bildeten in dieser mehr als ungewöhnlichen Stadt für einige Jahre einen idealen Nährboden für die verschiedenen Spielarten menschlicher Koexistenz, bis die Rezession alles hinwegraffte. Mitten hinein in diesen Sog von Ideen und Konzepten gebar Flora Wellman am 12. Januar 1876 einen Sohn, den sie John Griffith nannte, und nach dem Namen des Erzeugers, mit dem sie in einer Art „wilder Ehe“ zusammenlebte: Chaney. William Henry Chaney, mehr als 20 Jahre älter als die kleinwüchsige Klavierlehrerin aus Massillon, Ohio, war zu dieser Zeit ein bekannter Astrologe, Journalist und Vortragsreisender, der eine Gruppe von (meist jüngeren) Adepten um sich geschart hatte. Die Verbindung zu Flora Wellmann war eine „amour fou“ eine jener verrückten „Lebensabschnittsgemeinschaften“ wie sie hundert Jahre später Gang und Gäbe waren. Die Vaterschaft erschien ihm als eine zu schwere und zweifelhafte Bürde, als dass er sich fröhlich dazu bekannt hätte. Im Gegenteil – er bestritt vehement irgendetwas mit dieser Geburt zu tun zu haben, behauptete von sich selbst impotent zu sein und wehrte sich gegen jede Verantwortung. Mit dem Erfolg, dass die ganze Geschichte durch die energische Flora in der Presse aufgerührt wurde, und Mr. Chaney nur noch die Flucht in den Norden blieb. Jack London erfuhr erst im Alter von zwanzig von der Existenz des leiblichen Vaters. Es war der Kriegsveteran John London, der kurze Zeit später dem Knaben seinen weltberühmten Namen gab, ihn großzog, ihm die Liebe zum Landleben einpflanzte, ihm leider aber auch allzu früh die Verantwortung für die Ernährung der vielköpfigen Familie übertrug. Mehr lesen