Hilfe! Die sagen, ich bin süchtig.

Das zeitgemäße KO-Argument für unbequeme Zeitgenossen lautet „Sucht“. Sucht ist das Thema unseres Jahrhunderts. Das Witzige daran ist, dass es den Begriff „Sucht“ im rein wissenschaftlichen Sinne gar nicht gibt. Oder nicht mehr gibt. In der medizinischen Fachwelt spricht man bestenfalls vom „Abhängigkeitssyndrom“, was viele als einen Euphemismus für den gleichen Begriff ansehen mögen.

Sucht war ein Schlagwort des 20. Jahrhunderts und wurde erst in den 80er Jahren aus dem Sprachgebrauch der Medizin gestrichen, um betroffenen Personen das Stigma des Süchtigen zu nehmen. Süchtig sein, das bedeutete ja in der angepassten Vermeidungsgesellschaft der braven Bürger auch gleichzeitig „Schwäche“, „Mangelnde Willenskraft“ oder einfach „krank“. Wobei letzteres sogar stimmt, denn Sucht war im Mittelalter nur ein anderes Wort für Krankheit. Fallsucht, Schwindsucht, Wassersucht … all das sind medizinisch anerkannte Krankheiten, für die ein Kranker nun mal nichts kann. Man zieht sich Tuberkulose nicht durch Willensschwäche zu. Das, was wir heute als Sucht bezeichnen, kannte man bestenfalls als Trunksucht, also Alkoholismus. Mehr lesen